Die ewige Schaffenskrise, die Frage nach dem Sinn und warum tue ich mir das überhaupt an?

Ein ungutes Gefühl steigt in mir hoch, wenn ich nur daran denke. Eine Art von Schuldigkeit gegenüber eines nicht greifbarem Etwas sogar. Total absurd alles. Sowohl der Gedanke, die analoge Fotografie aufzugeben, als auch das Gefühl sich deswegen schuldig fühlen zu müssen.
Meistens fotografiere ich aus purer Überzeugung auf Film und manchmal nur, weil ich das Gefühl habe, meine Liebe zur Fotografie im Allgemeinen durch das Medium wiedergefunden zu haben. Dass ich diese wiedergefundene Passion nur so erleben kann, wie ich sie entdeckt habe ist sicherlich nicht richtig. Meistens weiß ich das auch.

Passend dazu die Fotos im Beitrag. Meine ersten richtigen Fotos auf Film in und um Los Angeles vor ca. vier Jahren. Dort habe ich parallel mit analogem und digitalem Canon EOS Setup gearbeitet und den Spaß an der Fotografie wiedergefunden. Einen Hinweis, ob die Fotos analog oder digital entstanden sind, sieht man halbwegs klar, ist aber auch nicht wichtig.

Ich habe gehört manche Leute machen bei wichtigen Entscheidungen eine pro und contra Liste. Kleiner Spoiler zu Beginn. Die Entscheidung ist weder wichtig, noch unumkehrbar, noch muss und werde ich sie überhaupt treffen, aber einen Versuch ist es wohl wert.
Was schätze ich an (meiner) analogen Fotografie und was nicht?

Meine Vorteile

Erwähnenswert hier sind definitiv die Klassiker wie die Reduktion und damit verbundene Konzentration in der Komposition. Auch ist es faszinierend, wie sich mein Arbeiten, meine Kommunikation mit dem Motiv und mein Spiel mit der Umwelt mit wechselnden Kameras ändert. Digital ist der Workflow gefühlt mit allen Kameras gleich. Für meine Arbeiten ist es sowohl dienlich die Kamera passend zur Situation zu wählen, als auch im gleichen Szenario neuen Input durch wechselnde Werkzeuge zu generieren. Selbes gilt natürlich für die Wahl des Filmes bzw. zumindest die Entscheidung, ob man in Farbe oder Schwarzweiß fotografiert. Die Herangehensweise an ein Motiv ist dort komplett unterschiedlich, die Art und Weise zu sehen und zu denken ist eine ganz andere und die Entscheidung ist zumindest in eine Richtung unumkehrbar.

Meine Nachteile

Auch hier definitiv der Klassiker Kosten. So günstig man einsteigen kann, die laufenden Kosten sind nun mal da. Ich halte sie möglichst gering, indem ich alles selbst verarbeite, aber auch das kostet Geld und vor allem Zeit. Das ist definitiv der größere Faktor für mich. Zum einen spare ich mir etwas Geld, wenn ich alles selbst mache, viel entscheidender ist aber, dass ich so alles so haben kann, wie ich es will. Gerade Schwarzweiß ist die Wahl der Belichtung, die Entwicklung und die Ausbelichtung (egal ob auf Papier oder digitalisiert) so stark abhängig voneinander, dass ich das alles aufeinander abstimme und es somit auch selbst machen „muss“. (Mehr dazu in unserem D76 Guide) Da der ganze Workflow dann schon einmal steht, kann man für Farbe auch alles selbst machen. Das Farbnegativ will beim Invertieren ja auch von mir interpretiert werden und von niemand anders. Das ganze ist nur leider unfassbar zeitintensiv. Beim Labor brauche ich für die Ergebnisse sicherlich genauso lange, allerdings muss ich nur warten und nicht daran arbeiten. Digital ist hier so so so viel schneller und angenehmer, auch wenn ich nichts so sehr verabscheue, wie die Auswahl bei viel zu vielen Bildern.

Die Eigenheiten des Konstantin Walther

Mein größtes Kontra hat nichts mit dem Medium an sich zu tun. Viel mehr ist es der damit verbundene Purismus, dem ich mich selbst unterwerfe, aber eigentlich gar nicht müsste.
Mir hilft es sehr mich bei der Aufnahme etwas einzuschränken. Limitierte Anzahl an Bildern, die Vorauswahl des Looks durch den Film und die Wahl der Belichtung sind förderlich für meinen kreativen Prozess. Im Nachhinein schränkte ich mich dadurch aber zu sehr ein und im Laufe der kritischen Auseinandersetzen meines Schaffens breche ich das gerade etwas auf und lasse los von meinen selbstgewählten Einschränkungen. Mittlerweile beschneide ich meine Bilder gerne, halte mich nicht zu streng an das Histogramm und drehe auch bei Farbfilm genauso ungehemmt an den Reglern wie bei digitalen Daten.

Analog vs. Digital – der Clickbait Showdown – endlich

Warum also nicht gleich Digital? Oder um die Entscheidung offen zu halten. Warum nicht entweder analog oder digital? Jeder legt seine Fotografie nun mal für sich selbst aus und für den einen ist nur analog völlig fein, weil es ein reines Hobby ist, die laufenden Kosten überschaubar sind und die Kameras entweder günstiger oder interessanter sind. Für den anderen macht es aufgrund von Datenmengen, Turnover Zeiten etc. nur Sinn digital zu fotografieren. Ich bin wie so meist in meinem Leben irgendetwas dazwischen. Nur analog hat sich in dem Moment erledigt, als ich entschlossen habe, meine Negative abzufotografieren. Dazu benötige ich eine halbwegs vernünftige Digitalkamera und, wenn ich sie schon habe, kann ich sie auch direkt verwenden. Kleine Jobs sind damit natürlich auch wirtschaftlicher. Nur digital ist natürlich auch keine Lösung. Der Moment der Aufnahme ist für mich das wichtigste und eine Pentax 67 macht schon einfach Freude. Mit meiner Digitalen kann ich das Display sogar umklappen und entweder gar nichts sehen oder so arbeiten, wie mit einem Lichtschachtsucher. Den Blick auf eine riesige Mattscheibe ersetzt es aber dennoch nicht. Die Konzentration, die ich bei 10 Frames pro Film benötige, weckt es in mir auch nicht.

So etwas wie ein Fazit

Ich sehe mich aber nicht mehr als hin- und hergerissen. Nicht mehr als Getriebener, der sich Entscheiden muss. Die Glaubensfragen habe ich hinter mir gelassen und ich konzentriere mich nun ausschließlich auf meine Fotografie an sich. Es geht für mich nicht mehr um entweder oder, nicht mehr um besser oder schlechter. Mittlerweile sehe ich das Fotografieren auf Film und digital als Symbiose. Als Wechselspiel, das es mir erlaubt, in allem, was ich tue, besser zu werden.
Mit meinen Mittelformatkameras schule ich mein Auge, übe mich in Konzentration und Framing. Beim Verwenden von Schwarzweißfilm blende ich Farben gedanklich aus und achte nur noch auf den Verlauf von Licht und Schatten, was mir auch in der (digitalen) Farbfotografie zu Gute kommt. Digital ist es einfacher, günstiger und schneller zu experimentieren. Man ist spontaner, probiert Dinge aus, die auch mal daneben gehen, und bekommt direkt Rückmeldung. Das eröffnet einem neuen Input und lässt einen selbstbewusster arbeiten, was ich wiederum auf meine Filmfotografie anwenden kann. Dieser Kreislauf lässt sich ewig fortführen, manchmal sind die Wechsel kürzer, manchmal länger und ab und an vermischt es stark. Ziel ist es hierbei einfach nur zu wachsen.
Am Ende steht dann das perfekte Bild, sollte es so etwas geben. Das dann aber selbstverständlich in 6×7 auf Kodak Porta 800.

Konstantin Walther

Hallo, mein Name ist Konstantin, ich bin 26 Jahre alt und lebe und arbeite als Fotograf in Berlin.
Vorzugsweise fotografiere ich analog und bin dort unabhängig von Laboren als Selbstverarbeiter tätig. Grüße, Konsti