Ja, zu denen zähle ich auch. Darf ich jetzt als weißer Künstler und Fotograf auch etwas zur aktuellen Situation beitragen?
Ich denke schon. Allerdings denke ich auch, dass man einiges dabei beachten sollte. Ich will mir hier nicht anmaßen, irgendetwas über People of Color (POC) oder für People of Color zu sagen. Aber ich will auch nicht tatenlos zusehen.
Also was mache ich?

Ich denke, besonders wichtig ist es, genau zuzuhören. Denn das ist in der Vergangenheit zu selten geschehen. Wir „Weiße“ haben viel geredet und dabei wenig zugehört.
Ich möchte hier den Spieß umdrehen und mich aus dem Erzählen zurücknehmen.
Viel mehr möchte ich einer Person die Bühne bieten, die sie nach eigenen Worten nicht bekommt und sich auch nicht traut, sie zu nehmen.

Viona ist 22. Lange dachte sie, dass sie es selber schuld sei, von vielen Menschen nicht respektiert zu werden. Aufklärung von der Seite ihrer Eltern gab es nicht. Im Gegenteil wurde ihr sogar beigebracht, dass sie es in der Hand hätte, ob sie gemocht wird, oder nicht.
Erst mit 18 lernte sie so richtig vom Holocaust und begann zu verstehen, dass es Menschen gibt, die anderen Menschen solch Gräueltaten antun, aufgrund von rassenideologischen Vorstellungen. 

Person of Color junge Frau grinst verschmitzt, guckt dabei nicht direkt in die Kamera des Fotografen farb Aufnahme 35 mm

Den Anzug hat Viona mit Stoff aus Togo selbst genäht.

Viona befindet sich seit Jahren in Therapie. Meist sind ihre Therapeuten Weiße.
Therapeuten, die scheinbar keine Empathie dafür verspüren, wie es einer POC geht.
Und ganz ehrlich, eben das wusste ich bis zum Shooting auch nicht. Und auch jetzt weiß ich es nicht, was mir damit auch bewusst wurde. Ich werde es wohl nie selber erfahren, tagtäglich aufgrund äußerer Merkmale diskriminiert zu werden.
Eine Therapeutin schlug ihr vor, einfach an etwas Fröhliches zu denken. Ernsthaft?

Worin besteht täglicher Rassismus?

Eine kleine Auswahl an „Komplimenten“:
„Du sprichst aber gut Deutsch!“
„Du bist hübsch für eine Schwarze!“
„Du kannst aber bestimmt gut singen und tanzen.“ 

Häufig wird Viona gefragt, ob ihre Mutter, oder ihr Vater „schwarz“ ist. Oftmals bevor sie gefragt wird, wie sie heißt. Ist es den Leuten also wichtiger zu erfahren, wie ihre Hautfarbe zustande kommt, als wer sie selber ist?
Auch sexuelle Avancen bekommt sie; mit Worten wie „Black Mama“.
Schon im Kindesalter fassten Leute ihr oft in die Haare, ohne zu fragen. Teil eines Exotismus; ähnlich wie Menschen, die gefährdete Raubtiere sammeln.
Mich erinnert das an die Menschenzoos in Deutschland um die Jahrhundertwende (1900) herum.
Leider auch eine von ihr oft gehörte Frage ist: „Sprichst du Afrikanisch?“
Afrika hat eine der vielfältigsten Sprachenlandschaften der Welt. Auf dem Kontinent existieren über 2000 gesprochene Sprachen, wobei etwa 50 davon jeweils von mehr als einer Million Menschen gesprochen werden.1 Afrikanisch heißt keine dieser Sprachen.

Vor dem ersten Bild, was ich von ihr machte, redeten wir circa eine Stunde über genau solche Erfahrungen. Und auch während der drei Stunden Shooting merkte ich, dass sie quasi endlos weitererzählen könnte. Ich bin mir sicher, dass es nicht nur ihr so geht.
Ich merkte auch, wie wenig Ahnung ich von dieser Thematik habe, obwohl ich mich viel und offen damit auseinandersetze. Und genau darin besteht das Problem, wenn wir „Weiße“ etwas zu diesem Thema sagen wollen. Wir haben keine Ahnung und es bleibt uns nichts anderes übrig, als zuzuhören und selber an unserem Verhalten zu arbeiten.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Realität, die in unserem Kopf stattfindet, nicht universell ist. Für einen Menschen mit Depressionen ist es die Realität. Für einen Menschen, der täglich diskriminiert wird, ist es die Realität.
Und wer noch nicht verstanden hat, dass es nicht um uns „Weiße“ geht, sondern um die Gefühle der People of Color, sollte sein Denken hinterfragen.
„All Lives Matter“ impliziert genau das. Es geht um „Black Lives Matter“.
Bei einer Rede der BLM-Demo sagte ein Redner am Open-Mic: „Es geht nicht um euer Gefühl, dass ihr nicht mehr Neger sagen dürft, es geht um unser Gefühl.“*

Viona ist mittlerweile eine recht freudige Person, aber hat trotzdem jeden Tag mit einem tiefen Schmerz zu kämpfen. Sie lachte viel während des Shootings, aber weinte auch. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mir einen so intimen Blick in ihre Welt gezeigt und ermöglicht hat. Danke.

*Frei aus meinen Erinnerungen zitiert. 

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Afrikanische_Sprachen 1 


Jean-Luc

 

Ich bin Jean-Luc, 23, studiere Kunstgeschichte an der Uni Trier und bin zur Zeit in mehreren Projekten und Ausstellungsplanungen eingespannt. Unter anderem Projekte und Ausstellungen, die selber gerade auf der Kippe stehen.

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