Not another COVID19 Post...

Was ein seltsames Jahr 2020. Es fing so gut bei mir an, Estland hier, Barcelona da und ehe ich mich versah, saß ich daheim vor meiner Mattscheibe und durfte mich mit Uni-Stoff berieseln lassen.

Ach ja, das schöne Studium. Die Motivation dafür hatte ich getrost im ersten Semester liegen gelassen. Ich habe festgestellt, dass es mir extrem schwer fällt, einen Studiengang zu haben der kreatives Arbeiten verlangt während ich das in der Freizeit und in meiner Selbstständigkeit schon fast täglich tue. Da bleibt oft wenig Energie für die Aufgaben der Hochschule übrig.

Und dann kam auch noch der Virus. Zuhause verharren bis sich die Lage wieder gelockert hat? Keine schöne Vorstellung, in ein und dem selben Raum zu schlafen, kreativ zu sein und ordentliche Arbeiten zu erstellen. Der Austausch zu den Kommilitonen, eines der Schlüsselelemente zu einem gelungenen Design-Studium, fällt getrost komplett weg. Ich hatte das Halbjahr schon mehr oder weniger abgeschlossen und war in den Zoom-Sitzungen gefühlt nicht einmal mehr physisch anwesend. Dann kam eines Morgens der Dozent unseres Fotokurses daher und verkündete eine der Semesteraufgaben, angepasst an die aktuelle Lage: Wir sollen ein Foto-Tagebuch von unserem Leben in Quarantäne führen, jeden Tag eine Doppelseite. Ende unbestimmt.

Think outside the Box

Es gab direkt Aufruhr, ‚was sollen wir denn da fotografieren?‘, ‚bei mir zuhause ist’s mega öde!‘. Aber das ist ja genau das Interessante daran, dass es nichts spannendes zu fotografieren gibt, dass es öde ist. Ich war sofort angefixt und hatte richtig Lust drauf. Endlich wieder eine Challenge. Ich habe direkt Luca Gruber, Fellow Kollektivler und Kommilitone aus dem 6. Semester, geschrieben und von der Aufgabe erzählt. Er hatte zu der Zeit den selben Dozenten und somit auch den selben Auftrag bekommen, war ähnlich heiß auf die Aufgabe. Nach etwas Brainstorming haben wir uns beide dazu entschieden, die Nummer komplett auf Schwarzweißfilm zu schießen. Kein leichtes Unterfangen während einer Pandemie, wäre da nicht Herrn Grubers Eifer gewesen, alles für uns beide zu entwickeln und zu scannen! Also an der Stelle schon mal einen dicken Schmatz Luca <3.

Die kommenden Wochen floss meine meiste Energie für das Studium in dieses ‚Tagebuch‘. Wir deckten uns regelmäßig bei dm mit APX100 ein und haben uns 1-2 mal wöchentlich auf einen Fotowalk bzw. -Bikeride verabredet. Da man sich bei ’sportlichen Aktivitäten‘ weiterhin mit einer Person aus einem anderen Haushalt treffen durfte, konnten Luca und Ich so wenigstens etwas sozialen Kontakt hegen. Das half immens, nicht nur der Kreativität und der körperlichen Beschaffenheit, sondern vor allem dem Kopf. So ein WG-Zimmer wird schnell klein und bedrückend.

Den Gefühlen freien Lauf lassen....

Aber auch zu Hause half mir das Projekt, nicht durchzudrehen. Man fängt an, neue Dinge in seiner alltäglichen Umgebung zu sehen. Ich bemerkte Winkel, Lichteinfälle und Schattenwürfe die mir vorher nie aufgefallen sind. Ich habe unterbewusst, jetzt zurückblickend, sehr oft meine aktuelle Stimmungslage in meinen Bildern versucht, darzustellen. Es entstanden viele Selbstporträts, eine Sache mit der ich mich vorher nie wirklich befasst hatte, da ich nie sehr selbstbewusst vor der Linse war. Aber das spielte in dem Szenario keine Rolle, da ich einfach meine tatsächlichen Gemütszustände darzustellen versuchte.

Ich fing irgendwann an, diese Leere, das Alleine sein und die Ruhe manchmal zu genießen. Ich ließ mich treiben und meine Fotografie folgte meiner Stimmung. So wurde das Projekt immer persönlicher und ließ immer tiefere Einblicke in mein Leben zu. Ich gab einfach wieder, was ich fühlte. Wenn mal die Sonne schien und ich einen tollen Tag mit meinen Mitbewohnerinnen hatte, dann spiegelt sich das auf der entsprechenden Doppelseite auch wieder. Anders wenn mich die Einsamkeit ergriff, das selbe Spiel.

Ich bin definitiv jemand, der stark dazu neigt seine Gedanken, Gemütszustände, Gefühle, etc. in seiner Kunst wiedergibt, aber an eine direkte Darstellung dieser hatte ich mich noch nicht herangetraut. Mit dem Projekt dieses Pandemie-Tagebuchs ergab sich unterbewusst die Möglichkeit, dies zu tun. Rückblickend eine sehr spannende Erfahrung, über die ich sehr dankbar bin. Ohne diese Aufgabe hätte ich die Zeit des ersten Lockdowns sicher nicht so gut überstanden!

Der Duft von frisch bedrucktem Papier

Während der Erstellung des Projektes wurde mir schnell klar: Ich will es nicht nur bei einer Uni-Abgabe belassen. Dafür habe ich zu viel Energie, Zeit, Geld und Liebe hinein investiert. Nein, es hat sich nach 1-2 Wochen schon garnicht mehr angefühlt wie die Bearbeitung einer Hochschulaufgabe, sondern die Fertigung einer Herzensangelegenheit. Ein Ventil, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und auch Schwäche zu zeigen. Mir war früh klar, dass das mein nächstes Printprojekt werden sollte. Endlich mal wieder eine eigene Arbeit in den Händen halten und den Geruch von frisch bedruckten Papier in der Nase haben.

Ende September war es dann soweit: Nachdem ich den ganzen Sommer über auftraglich unterwegs war, hatte ich Zeit gefunden, die Druckdatei fertigzustellen und in Auftrag zu geben. 25 Exemplare sollten es sein, herausgegeben über ‚@project_e.004‚. Mein Space für jegliche Hirngespinste meinerseits. Bei den 25 Stück blieb es dann jedoch nicht: da nach 3h(!) schon alle vergriffen waren und die Nachfrage weiter hoch so hoch war, dass gerade aktuell die nächste Schippe in Produktion ist.

2020 war bisher ein Jahr voller Rückschläge und verhängnisvoller Ereignisse. Es hat uns aber enger zusammengeschweißt und viele zum Denken und Umdenken angeregt. Wir haben den Spieß umgedreht und sind laut geworden. Ich möchte jetzt auch nicht groß politisch werden, ich denke ihr wisst wovon ich rede. Jedenfalls war für mich von Vornherein klar, dass ich an diesem Projekt nichts verdienen wollte. Nachdem ich gesehen habe, was Christoph Schaller und sein Team an unglaublich talentierten Menschen mit der Spendenaktion ‚Prints for Moria‘ auf die Beine gestellt hatten, Stand für mich auch fest, dass jeglicher Umsatz an helfende Hände gehen sollten. Somit werde ich jeden Cent über den Produktionskosten an ‚GAiN Germany‚ spenden. Sie sind unter anderem vor Ort in den Ersatzlagern Morias auf Lesbos und Samos, wo teilweise noch schlimmere Zustände herrschen als auf Moria selbst.

Daher DANKE DANKE DANKE an jeden, der ein Exemplar gekauft hat! und nochmal Riesen Dank an Luca Gruber aka das Grubersche Fotolabor für all die Entwicklungen und Scans! Wenn du es bis hierhin mit Lesen geschafft hast, auch Danke an dich! I appreciate it 🙂

Schaller out.